Trentinerplatz

Den Namen Trentinerplatz hat der Platz beim Gymnasium am 2. Juli 1997 in einem Festakt erhalten. Rund 300 Gäste aus dem Trentino und zahlreiche Braunauerinnen und Braunauer sowie österreichische und italienische Politprominenz beteiligten sich am Festakt der Platzbenennung. Die Gedenktafel, die an das Schicksal der Kriegsflüchtlinge erinnern soll, wurde zu den Klängen der Europahymne gemeinsam von Dr. Luciano Violante, Präsident der Abgeordnetenkammer des italienischen Parlaments, Dr. Carlo Andreotti, Landeshauptmann der Autonomen Provinz Trento, Nationalratspräsident Dr. Heinz Fischer, Landtagspräsidentin Angela Orthner und Bürgermeister a.D. Gerhard Skiba enthüllt. Die Umbenennung war vom Verein für Zeitgeschichte, der auch gemeinsam mit der Stadtgemeinde Braunau den Festakt organisierte, beantragt und vom Gemeinderat einstimmig beschlossen worden. 

Zu den weiteren Hintergründe ein Beitrag des Obmannes des Vereines für Zeitgeschichte Braunau, Mag. Florian Kotanko:

1915: Flucht und Deportation

Als der italienische Botschafter in Wien am 23. Mai 1915 die Mitteilung der Kriegserklärung des Königs von Italien an Österreich-Ungarn überreichte, wurde das Grenzgebiet zwischen den beiden Staaten Kriegsschauplatz. Für die Bewohner, die die Folgen des Krieges seit dem 28. Juli 1914 schon zu spüren bekommen hatten (ein Großteil der wehrfähigen Männer war einberufen worden, viele von ihnen waren tot, zu Krüppeln geschossen oder in Gefangenschaft geraten; der wirtschaftliche Niedergang hatte Verarmung und Hunger zur Folge), verschlimmerte sich die Situation dadurch innerhalb kürzester Zeit dramatisch: einerseits mussten die Menschen, von denen wohl die meisten ihre Heimat noch nie über längere Zeit verlassen hatten, fast über Nacht Haus und Hof räumen und wurden ins Ungewisse, in die unbekannte Ferne geschickt, andererseits hatten die Menschen natürlich Sorge um die materiellen Güter, die in der Heimat zurückgelassen wurden und nun von der Zerstörung durch die Kriegsereignisse bedroht waren.

Allem Anschein nach hatten das Ministerium für Landesverteidigung und das Reichskriegsministerium im Frühjahr 1910 unter dem Eindruck der verschärften internationalen Situation infolge der bosnischen Annexionskrise damit begonnen, Pläne für die gesetzlichen Modalitäten zur Ausweisung von heimatberechtigten Zivilpersonen aus dem "Rayon befestigter Plätze" im Kriegsfall zu entwickeln. Letzten Endes gipfelten die Vorbereitungen in den streng geheimen "Direktiven für den Vorgang bei der Entfernung von Zivilpersonen aus permanenten festen Plätzen, sobald dieselben sich in Kriegsausrüstung befinden beziehungsweise in den Kriegszustand versetzt werden" des k.k. (österreichischen) Innenministeriums vom 29.7.1914, nach denen praktisch die gesamte einheimische Bevölkerung, die für politisch unzuverlässig gehalten wurde, auch wenn keine konkrete strafbare Handlung nachgewiesen werden konnte, in das Hinterland abgeschoben werden sollte. Den territorial begrenzten staatlichen Planungen für die Entfernung von Personengruppen fehlte jedoch völlig die Ergänzung durch weiterführende Überlegungen über Unterbringung und Versorgung der Deportierten – die Heimatgemeinde war für die Unterstützung von Armen zuständig, nicht der Staat. Erst mit Gesetz vom 31.12.1917 betreffend den Schutz der Kriegsflüchtlinge wurde das Flüchtlingswesen, das bisher nur durch kaiserliche Notverordnungen und Verordnungen des k.k. Innenministeriums einigermaßen geregelt war, formalrechtlich in geordnete Bahnen gelenkt.

Die Hochfläche von Lavarone, die uns in unserem Zusammenhang besonders interessiert, hatte als "befestigte Zone" in den Kriegsplanungen des österreichisch-ungarischen Generalstabes einen besonderen Stellenwert: Der Chef des k.u.k. Generalstabes, Franz Conrad von Hötzendorf, war besessen vom Gedanken eines Präventivkrieges gegen Italien, obwohl es durch den Dreibund-Vertrag mit Österreich-Ungarn verbündet war. Er war davon überzeugt, dass das Königreich Italien seinen Bündnisverpflichtungen im Ernstfall nicht nachkommen, sondern vielmehr die Seite wechseln würde. In der Zeit zwischen 1907 und 1914 dienten die in Beton und Fels errichteten Sperrwerke in Tirol in den Operationsplänen des Generalstabschefs zur Sicherung des Aufmarsches im Raum Trient, hatten also die Vorbereitungen für einen Angriff gegen das verbündete Italien zu schützen. Den Schwerpunkt des Befestigungsbaues in Tirol bildeten die neuen Werke auf den Hochflächen von Lavarone (Lafraun) und Folgaria (Vielgereut). Die Sperrgruppe Lavarone bestand aus dem Artilleriebeobachtungswerk Cima di Vezzena am Steilabfall zur Val Sugana, den Panzerwerken Verle, Lusern und Gschwendt. Zu Beginn des Krieges mit Italien (24. Mai 1915) trat Erzherzog Eugen (1863 – 1954), der bisher die Balkanstreitkräfte kommandiert hatte, an die Spitze der gegen Italien kämpfenden Truppen. Der Standort des Kommandos der Südwestfront war Marburg an der Drau. Dem Kommandanten waren zur Wahrung militärischer Interessen die Befugnisse eines Landeschefs eingeräumt. Im Bereich des Kommandos der Südwestfront wurde auch das Standrecht nach den Feldbestimmungen kundgemacht. Das Militär hatte die Neigung, überall irredentistische Einflüsse zu vermuten.

"Unsere Truppen, auch die Bayern und besonders die Honveds hausen in Südtirol wie die Vandalen...Die Häuser und Güter der italienischen Signori sind vogelfrei. Selbst Offiziere packen dort Sachen ungeniert ein. Die Militärverwaltung durchstöbert auch ohne Anhaltspunkt die Häuser der als italienisch gesinnt bekannten Einwohner. Die treue italienische Bevölkerung wird tief verletzt und es wird Südtyrol nach dem Krieg ein physisch und moralisch zerstörtes Land sein."

Im Herbst 1915 stellte das Armeeoberkommando gar den Antrag auf Errichtung einer Grenzschutzzone gegenüber Russland, Rumänien, Serbien, Montenegro und Italien mit 25 km Tiefe, aus der – in der Zukunft sogar in Friedenszeiten! – sämtliche Ausländer und politisch unzuverlässige Staatsbürger ausgesiedelt werden sollten.

Das Trentino zählte bei Kriegsbeginn 386.000 Einwohner. 60.000 Trientiner dienten in der k.u.k. Armee. Über 1700 wurden aus politischen Gründen interniert oder konfiniert. 114.000 Trientiner, rund ein Drittel der gesamten italienischen Bevölkerung Tirols, wurden von den österreichischen Behörden aus ihren Wohngebieten ausgesiedelt und als "Flüchtlinge" nach Österreich, viele bis nach Böhmen verfrachtet. An die 30.000 Trientiner wurden aus den bei Kriegsbeginn den Italienern überlassenen oder später von italienischen Truppen eroberten Gebieten des Trentino nach Italien ausgesiedelt und dort in Lagern untergebracht, besser: interniert.

Das Gebiet unmittelbar an der Grenze wurde regelrecht entvölkert. Vieh und Wagen mussten größtenteils an Ort und Stelle verbleiben; sie wurden vom Ärar zum Schätzwert angekauft. Die Menschen aber hatten sich nach Norden in Bewegung zu setzen, um sie aus den gefährdeten Gebieten wegzubekommen, um die Gefahr von Spionage zu verringern und Platz für die Truppen zu machen. Allein aus der Stadt und Festung Trient wurden über 10.000 Menschen nach Vorarlberg gebracht. Bis Juni 1915 war die Evakuierung praktisch in allen an Italien grenzenden Bereichen abgeschlossen. Aus dem italienischen Tirol wurden die Evakuierten nach Nordtirol, Vorarlberg, aber auch nach Oberösterreich, Niederösterreich, Böhmen und Mähren gebracht.

Seit 1. Juli 1915 bestand das "Hilfskomitee für Flüchtlinge aus dem Süden", das unter der Patronanz der Erzherzogin Maria Josepha, der Mutter des späteren Kaisers Karl, stand und in dem zahlreiche prominente Politiker mitwirkten. Sein Aufgabenkreis umfasste primär die Betreuung und Unterstützung der Flüchtlinge aus dem Süden im Gesamtgebiet der österreichischen Reichshälfte, ausgenommen Wien. Für die zum österreichischen Heer einberufenen oder als Flüchtlinge außerhalb ihrer Heimat lebenden Trientiner gab es das Bolletino del segretariato trentino, das Mitteilungsblatt des Trientiner Sekretariats für Soldaten und Flüchtlinge, das zunächst in Mezzolombardo, später in der Druckerei der Reichspost in Wien hergestellt wurde.

Bei den diversen Lagern, in denen Italiener während des ersten Weltkriegs in Österreich untergebracht waren (Wagna bei Leibnitz, Katzenau bei Linz, Enzersdorf, Wöllersdorf, Oberhollabrunn, Pottendorf, Braunau und wie die berüchtigten Barackenstädte hießen), gilt es zu unterscheiden zwischen Flüchtlingslagern und den eigentlichen Konfinierungsstätten, die wie das Internierungslager Linz-Katzenau den Konzentrationslagern der Briten in Südafrika nachempfunden waren; man kann sie allerdings nur bedingt als Vorläufer der Konzentrationslager Hitlers betrachten.

Das k. k. Flüchtlingslager in Braunau am Inn

Die Umgebung der Stadt Braunau, deren Gebiet praktisch nur den Stadtkern bis zur Ringstraße sowie die Bahnhofstraße mit einer Fläche von 1,08 km² umfasste und die 1910 nur 4074 Einwohner zählte, gehörte zur selbstständigen Gemeinde Ranshofen, die mit 22,67 km² flächenmäßig weitaus größer war, aber 1910 nur 2031 Einwohner zählte. Schon 1905 hatte es Versuche gegeben, Laab-Höft, Haselbach-Haiden und Tal-Osternberg nach Braunau einzugemeinden, aber erst 1920 – nach einem positiven „Referendum“ der betroffenen Bevölkerung – erreicht.

Seit Ende 1914 wurde das "k. u. k. Kriegsgefangenenlager Braunau" auf Ranshofner Gemeindegebiet(!) entlang der Mattig zwischen Dietfurt und Aching – gegen den Widerstand der Stadtvertretung – errichtet. Im Mai 1915 wird noch vor der Kriegserklärung Italiens mit der Planung, im Juni mit dem Bau eines zweiten Lagers begonnen, das schließlich "k.k. Flüchtlingslager Braunau am Inn" benannt wird. In einem Bericht aus dem Jahr 1917 heißt es dazu:

"Das Flüchtlingslager unweit von Braunau a.I. an der Reichsstraße Braunau – Ried gelegen, im Norden vom Innfluss begrenzt, umfasst einen Flächenraum von zirka 70 Joch. Mit dem Aufstellen der Baracken wurde Ende Juni 1915 begonnen. Erbauer war die k.k. Statthalterei Linz. Als Oberbauleiter wurde k.k. Oberbaurat A. Schedle, Vorstand des Hochbaudepartements, als Bauleiter k.k. Oberbaurat i.P. L. Petri bestellt, Ing. A. Kellner, k.k. Baupraktikant, wurde der k.k. Bauleitung zugeteilt.

Ende Nov. 1915 kamen die ersten Flüchtlinge in das Lager, im Laufe der Monate Dezember und Januar folgten weitere Transporte und betrug der Höchststand zu dieser Zeit ungefähr 10.500 Köpfe, durchwegs Südtiroler aus der Gegend von Rovereto und Trient, den verschiedensten Bevölkerungsschichten angehörend.

Leiter des Lagers ist k.k. Finanzsekretär Josef Postel, sein Stellvertreter Landessekretär Alois Negri. Die Kassagebarung und das Verrechnungswesen liegt in den Händen des k.k. Statthaltereirechnungsrevidenten Hans Achleitner. Das Lager selbst ist in zwölf Sektionen geteilt. Jede derselben besteht aus acht Baracken und einer Küche mit Speiseraum und Vorratskammer, eine der zwölf Sektionen ist als Quarantäne ausgebildet. Die Wohnbaracken weisen zwei Typen auf; die eine besteht aus zwei Abteilungen mit einem Belagraum von je 75, die andere, so genannte Familienbaracken, mit fünf Abteilungen und einem Belagraum von je 21 Personen. Die Spitalsgebäudegruppe ist von den Baracken abgesondert und besteht aus vier Normalspitälern und vier Infektionsspitälern sowie einer Desinfektionsbaracke. Den Kultusbedürfnissen des Lagers erscheint durch die Erbauung einer schönen, geräumigen Kirche mit Glockenturm Rechnung getragen, in der Lagerseelsorge sind elf Priester tätig, denen Mons. Vigilio Parteli als Kirchendirektor vorsteht. Den zahlreichen schulpflichtigen Kindern wird in vier Schulen mit je vier Klassen Unterricht erteilt; auch für den Fortbildungsunterricht ist durch abendliche Kurse vorgesorgt. Weiters bestehen vier Kindergärten, welche von 800 Kindern von vier bis sechs Jahren besucht werden. Für die Unterkunft der zahlreichen Lehrkräfte dienen zwei Lehrerwohnbaracken. Weiters besitzt das Lager eine Dampfwäscherei mit Badeanstalt und Brausebädern. Jeder Sektion steht außerdem eine Freiluftwäscherei zur Verfügung. Die Versorgung des Lagers mit Brot besorgt die Lagerbäckerei, jene mit Fleisch das modern ausgestattete Schlachthaus mit seinen Kühlräumen. In den zwei Stallungen sind 100 Stück Holländerkühe zur Milchgewinnung untergebracht.

Die Erhaltungsarbeiten des Lagers werden in den verschiedenen Werkstätten als: Tischlerei, Schlosserei, Schmiede, Spenglerei, Glaserei und Binderei ausgeführt. Weiters besteht eine Holzerzeugungswerkstätte und eine Korbflechterei. Besonders groß ist die Frauenindustrie, die sich in zahlreichen Werkstätten und Kursen entwickelt hat, so gibt es eine Damenschneiderei, eine Weißnäherei, eine Nähstube für Stopf- und Flickarbeiten, eine Nähschule und eine Spitzen- und Filetnetzschule.

Eine eigene Elektrizitätsanlage versorgt das Lager mit elektrischem Licht und Kraft, das Gleiche gilt von der Wasserleitung. Das Wasser wird aus einem vom Lager 2,5 km entfernten Brunnen mittels einer Pumpe in einen Hochbehälter gepumpt und fließt von dort durch natürlichen Druck in das Verteilungsnetz des Lagers. Die Kanalisierung, Schwemmsystem, leitet alle Abwässer direkt in den Inn. Es erscheint so für die kulturellen und leiblichen Bedürfnisse der Flüchtlinge in jeder Weise vorgesorgt, um ihnen die zeitweilige, in den Verhältnissen begründete Trennung von ihrer heimatlichen Scholle nicht allzu schwer empfinden zu lassen."

Insgesamt hatte man 129 Objekte innerhalb weniger Wochen errichtet. Im Lager allein war ein Kanalnetz von 6 km Länge verlegt worden.

In einer Übersicht aus dem Jahr 1917 heißt es lapidar:

"Braunau am Inn (4120 Seelen): k. u. k. Kriegsgefangenenlager für 120 Offiziere und 40.000 Mann, k.k. Flüchtlingslager.

Evang. Pfarramt Braunau am Inn: Gottesdienst für die österr.-ungar. Wachmannschaft, Abendmahlfeiern für Internierte und kriegsgefangene Russen.

St. Peter bei Braunau (1291 Seelen): Eine Hälfte des Russen-Gefangenenlagers in Braunau liegt im Pfarrgebiet, dem Pfarrer auch die Matrikenführung zugewiesen.

Ranshofen (2210 Seelen): In der Pfarre ein Kriegsgefangenenlager für 20.000 Mann (Pfarramt hat Seelsorge) und ein Flüchtlingslager für 15.000 Südtiroler."

Im heutigen Stadtplan von Braunau dehnte sich das Lager in einer West-Ost-Erstreckung zwischen der Cornelius Flir-Straße (und ihrer geraden Verlängerung bis zum Inn) und der Linie Josef Reiter-Straße – entlang des Geländeabbruches zur Kläranlage aus, die nördliche Begrenzung war der Inn, die südliche etwa die Laabstraße bis zur Abzweigung der Josef-Reiter-Straße. Westlich der Cornelius Flir-Straße, in dem Bereich, wo heute noch eine hohe Trauerweide auffällt, war der Lagerfriedhof, in dem 728 Insassen des Flüchtlingslagers aus dem Trentino ihre letzte Ruhestätte fanden. Dieser Lagerfriedhof, der schon in den ersten Nachkriegsjahren relativ verwahrlost war, wurde am 18. Juni 1941 aufgelassen; bei Bauarbeiten nach dem 2. Weltkrieg fand man noch viele Gebeine.

Die ersten Deportierten kamen am 25. November 1915 in das Lager Braunau, nachdem sie die Zeit seit ihrem Aufbruch Anfang Juni 1915 in verschiedenen Gemeinden des Innviertels verbracht hatten (z.B. Gurten, Geinberg, Mühlheim, Zell an der Pram, Altschwendt, Wippenham). Der Großteil der Flüchtlinge aus Lavarone kam am 3. Dezember 1915 in Braunau an.

Die ersten Eindrücke von der Barackenstadt, die das Flüchtlingslager ja war, werden durchwegs als negativ, beängstigend, Besorgnis erregend beschrieben. Auch für die Gesamtdauer des Aufenthaltes überwiegen die negativen Stimmen bei weitem, wenn auch Trientiner Insassen über den Leiter des k.k. Barackenlagers Braunau berichteten, er habe sich mit "Leib und Seele" für die ihm anvertrauten Menschen verwandt.

In allen Gegenden, in denen Flüchtlinge untergebracht waren, stieg aber mit Fortdauer des Krieges, vor allem wegen des immer größer werdenden Nahrungsmittelmangels, die Ablehnung, und auch aus Braunau berichteten Zeugen:

"Die deutschen Kinder bewarfen die italienischen Lagerkinder mit Steinen...

Bauern hetzten die Hunde auf ein achtzehnjähriges Mädchen; das Mädchen wurde schwer gebissen. Ein anderes Mädchen, 16 Jahre alt, hob einen Apfel vom Boden auf; die Bauern ließen einen Hund auf die Italienerin los; sie starb ein paar Tage später an den Folgen von Tollwut."

Die Zahl der Bewohner des Lagers wird in den Quellen sehr unterschiedlich angegeben; man kann aber davon ausgehen, dass anfangs etwa 10.000, maximal 12.000, gegen Ende des Krieges "nur mehr" ca. 6.500 Menschen im Lager waren. Im Lager wurden 48 Ehen geschlossen, darunter 4 mit Einheimischen, und 346 Kinder geboren; die Kindersterblichkeit wird allerdings als sehr hoch bezeichnet.

Das Flüchtlingslager Braunau wurde im Februar 1916 vom Reichsratsabgeordneten Alcide Degasperi (er sollte nach dem 2. Weltkrieg italienischer Ministerpräsident werden), im Mai 1917 vom Trientiner (liberalen) Reichsratsabgeordneten (Valeriano) Malfatti und im Juli von Malfatti und dem zu Beginn des Krieges suspendierten Vizebürgermeister (Antonio) Tambosi, der selbst interniert gewesen war, besucht. Auch der Linzer Diözesanbischof Gföllner kam nach Braunau und spendete während einer Messe in der Lagerkirche am 13. September 1916 die Firmung.

Am 4. November 1918 beendete der Waffenstillstand von Villa Giusti bei Padua den Krieg Österreich-Ungarns mit Italien, und nicht nur die italienischen Kriegsgefangenen drängten auf baldige Heimkehr, auch die Zivilinternierten wollten möglichst bald aus Braunau wegkommen. Während die Kriegsgefangenen noch im November Braunau verließen, fuhr der letzte Zug mit Flüchtlingen aus dem Trentino erst am 8.1.1919 vom Braunauer Bahnhof ab. Zur Organisation der Rückreise waren für einige Wochen sogar italienische Soldaten in Braunau stationiert worden.

Was blieb vom Lager?

Materiell profitierte die Gemeinde Braunau in der unmittelbaren Nachkriegszeit sehr von dem, was vom Lager geblieben war: Baracken wurden angekauft und an Interessenten verkauft, die technischen Einrichtungen „übernahm“ die Stadt und nutzte sie für ihre Zwecke, die Grundstücke, auf denen das Lager war, sollten – nach der Eingemeindung zu Braunau 1920 – die Fläche zur Errichtung einer "Gartenstadt" bieten.

Die Lagerkirche wurde 1919 nach Schneegattern verkauft, auf einem Grundstück, das die Besitzer des Gasthauses "Pühringer", Franz und Anna Pühringer, zur Verfügung gestellt hatten, wieder aufgebaut und nach gründlicher Renovierung 1922 dem Hl Johannes dem Täufer geweiht. Im Jahr 1936 wurde diese Kirche abgerissen und durch einen gemauerten Neubau ersetzt.

Das einzige noch existierende Bauwerk des Lagers ist das Schlachthaus: es wurde am 3. September 1923 von der Stadt an die Salzburger Stiegl-Brauerei verkauft und dient heute noch nach verschiedenen Um-und Zubauten als Bierdepot und Gasthaus.

Die Verbindung Braunau – Trentino wurde vorerst von der Seite der ehemaligen Flüchtlinge aufrecht erhalten, vor allem deshalb, weil man der in Braunau begrabenen Angehörigen gedenken wollte. So kam der Pfarrer von Lavarone, Don Guido Floriani, 1919 und 1922 nach Braunau; der spätere Braunauer Stadtpfarrer und Dechant Johann Ludwig besuchte 1926 Lavarone. Am 6. November 1936 beschloss der Braunauer "Gemeindetag", wie die Gemeindevertretung in der Zeit des Austrofaschismus 1934 – 1938 hieß, die Benennung verschiedener Straßenzüge in der „Gartenstadt“, und seit dieser Zeit existiert als Erinnerung an das Flüchtlingslager die „Südtiroler Straße“ – diese Namensgebung hatte wohl auch politische Hintergründe, fiel sie doch in die Phase der Abkühlung der österreichisch-italienischen Beziehungen und sollte so wohl als patriotische Geste, als Erinnerung an das "geraubte Südtirol" dienen.

Seit etwa 1970 wurden die Kontakte, vom Trentino ausgehend, wieder geknüpft. Zahlreiche Besuche und Gegenbesuche, die Stiftung einer Gedenktafel am Haus Höfterstraße 9 (in der Nähe des ehemaligen Lagereinganges) im Jahre 1979, die Übergabe des Maria-Hilf-Bildes, das von der Lagerkirche in die Sakristei der Stadtpfarrkirche in Braunau gebracht worden war, an die Pfarre Lavarone 1982, die Anbringung von weiteren Gedenktafeln am Stadtfriedhof und in der Kriegergedächtnisstätte und nicht zuletzt die Benennung eines zentralen Platzes in Lavarone – Gionghi nach der Stadt Braunau beweisen, dass die Zeit im Flüchtlingslager Braunau, die für die meisten Menschen aus dem Trentino ja eine sehr schlimme war, nicht vergessen ist.

Um der Tatsache, dass weitaus die meisten der im k.k. Flüchtlingslager Braunau am Inn internierten Menschen aus dem Trentino stammten, und um einem Ersuchen nach Ergänzung der nicht richtigen Herkunftsbezeichnung "Südtiroler" durch "Trentiner" Rechnung zu tragen, hat der Gemeinderat von Braunau die Namensgebung "Trentinerplatz" für die Anschrift des Gymnasiums, das ja direkt im Gebiet des ehemaligen Flüchtlingslagers liegt, beschlossen.

Quelle: Mag. Florian Kotanko, Obmann des Vereins für Zeitgeschichte Braunau