Vor mehr als 110 Jahren verband der Erste Weltkrieg zwei weit voneinander entfernte Regionen der Habsburgermonarchie: das Innviertel, besonders Braunau am Inn mit Ranshofen und St. Peter, mit dem Trentino. Dieser südlichste Teil des alten Tirol, in dem überwiegend italienischsprachige Staatsbürger der Monarchie lebten, wurde auch als "Welschtirol" bezeichnet.
Als am 23. Mai 1915 das Königreich Italien Österreich-Ungarn den Krieg erklärte, wurden Planungen der österreichischen Regierung sofort in die Tat umgesetzt: Die Bevölkerung des Frontgebietes hatte innerhalb kürzester Zeit ihre Heimat zu verlassen, durfte nur sehr geringe Habseligkeiten mitnehmen und fuhr - nach langen Fußmärschen zu Bahnstationen - in eine ungewisse Zukunft. Die "Abschiebung" war zwar schon lange vorbereitet, das "Wohin" aber blieb lange offen.
Zahlreiche "Flüchtlinge" wurden in Bauernhöfen im Innviertel untergebracht, bis ein großes Barackenlager im heutigen Braunauer Stadtteil Laab errichtet und ihre Übersiedlung in diese "Stadt aus Holz" angeordnet wurde. Erst nach Kriegsende durften sie im Winter 1918/19 in ihre großteils zerstörte Heimatdörfer zurückkehren. Hunderte Verstorbene sind bis heute am "Flüchtlingsfriedhof" in der Nähe der Trauerweide in der Cornelius Flir-Straße begraben.
Waren anfangs diese Toten der Anlass für vereinzelte Besuche aus dem Trentino, so stieg mit der wachsenden Mobilität die Zahl der Kontakte, besonders mit den Bewohnern von Lavarone, denn sehr viele von ihnen hatten Eltern oder Großeltern, die Jahre im Lager von Braunau verbracht hatten. Gegenseitige Besuche mit größeren Gruppen (Musik, Feuerwehren) nahmen zu, auch offizielle Treffen fanden statt: Sie gipfelten 1997 in der Benennung "Trentinerplatz" für den Platz beim Gymnasium in Laab und 2005 in der Unterzeichnung der Freundschaftsurkunde zwischen Braunau und Lavarone, vertreten durch die damaligen Bürgermeister Gerhard Skiba und Aldo Marzari.
2025: Eine besondere Reise im Zeichen der Erinnerung und Freundschaft
Diese Freundschaft zu bestärken und im Bewusstsein besser zu verankern, war das Ziel einer viertägigen Fahrt (29. Mai bis 1. Juni 2025), an der zahlreiche Interessierte teilnahmen. Unter der bewährten Reiseleitung von Alois Rögl, vor Ort begleitet von Karl Birti und Adriana Fellin, stand die Besichtigung von besonderen Erinnerungsstätten auf dem Programm. Nach dem Eintreffen der Gruppe hielt Diakon Hans Silberhumer, begleitet von einem örtlichen Priester, in der kleinen Kirche, in der das von Monsignore Stefan Hofer einst zurückgegebene Bild "Mariahilf von Braunau" einen besonderen Platz einnimmt, eine Andacht mit deutsch- und italienischsprachigen Texten und Gebeten.
Am nächsten Tag wurde die gut erhaltene, heute als multimediales Museum eingerichtete ehemals österreichische Festung Gschwendt / Belvedere besichtigt; dieser "Lernort" führt auf engstem Raum die Schrecklichkeit des Krieges drastisch vor Augen und soll so als Mahnung dienen: Nie wieder Krieg! Es schloss sich eine Fahrt zum Passo Vezzena an, heute friedliches Almgebiet, aber einst Schauplatz blutiger Kämpfe mit großen Opfern auch für die dort eingesetzten Oberösterreichischen Freiwilligen Schützen. Zum Gedenken und als Symbol des Friedens wurde 2008 an der Stelle einer 1917 erbauten und in der Zwischenkriegszeit niedergerissenen Kapelle eine neue St. Zita-Kapelle errichtet. Hier empfing Mario Eichta die Gäste aus Österreich, der auch in Braunau kein Unbekannter ist, stand er doch hinter der Benennung "Trentinerplatz" 1997 und organisierte 1999 das österreichisch-italienische Friedenstreffen in Braunau.
Das nächste Ziel war das Dorf Lusern, in dem das Zimbrische, ein altbayrischer Dialekt, auch jetzt noch verwendet wird. Der ehemalige langjährige Bürgermeister Luigi Nicolussi-Castellan, der weiterhin eine wesentliche Rolle spielt, ließ es sich nicht nehmen, den Gästen die Besonderheiten seiner Heimat sehr engagiert nahe zu bringen.
Der dritte Tag brachte - nach dem Besuch der bekannten Käserei in Lavarone - Besichtigungen im westlichen Teil der Hochfläche von Folgaria, insbesondere einer Erinnerungsstätte an den Kalten Krieg, der 2010 als Museum eingerichteten NATO-Flugabwehrraketen-Stellung Base Tuono nahe der Malga Zonta mit ihrem Denkmal für im Sommer 1944 erschossene Partisanen und Zivilisten. Wie ein Kontrast folgte bei prachtvollem Wetter ein Spaziergang um den See von Lavarone, an dem auch Sigmund Freud mehrere Jahre seinen Urlaub verbracht hatte.
Am Abend hoben bei einem offiziellen Empfang im Rathaus die Bürgermeister der beiden Städte die Bedeutung der Freundschaft zwischen Braunau und Lavarone hervor: Claudio Stenghele erzählte über seine persönliche Verbindung zu Braunau durch seine Familiengeschichte, Johannes Waidbacher blickte in die Zukunft und wünschte sich über die traditionellen Besuchsreisen hinaus eine Festigung durch die Einbeziehung der Jugend in beiden Orten. Als symbolische Bekräftigung der Zukunftsorientierung pflanzten die beiden Bürgermeister gemeinsam vor dem Rathaus von Lavarone einen Tulpenbaum, das mitgebrachte Geschenk der Stadt Braunau. Der örtliche Männerchor Stella Alpina beschloss mit einem Konzert im Hotel Monteverde den festlichen und doch entspannten Akt der Freundschaft, bei dem auch Geschenke ausgetauscht wurden und man Alois Rögl für seine Initiativen herzlich dankte.
Die Abreise bedeutete zwar das Ende des Besuchs in Lavarone, aber es bleibt die feste Absicht, die freundschaftlichen Beziehungen weiter zu pflegen und zu vertiefen. Den Gastgebern gebührt herzlicher Dank für die überaus freundliche Aufnahme und kompetente Begleitung. Für den Spätherbst 2025 ist ein Gegenbesuch aus Lavarone in Braunau geplant.


